Prüfungsangst vor dem nachgeholten Abitur: Was hilft

Was Prüfungsangst vor der Externenprüfung auslöst und was nachweislich hilft: Exposition, Vorbereitung auf die Situation und der Umgang mit Blackouts.

Geprüft von Ramon W. Tissler, Director der MADE-WITH.AI LTDZuletzt geprüft am

Prüfungsangst vor dem nachgeholten Abitur ist eine Reaktion auf Bewertung, nicht auf den Stoff. Am wirksamsten sind das Üben der Prüfungssituation selbst und eine Vorbereitung, die Abrufen statt Wiederlesen trainiert. Entspannungsverfahren helfen in der Akutsituation, Psychotherapie bei Prüfungsangst, die den Alltag einschränkt. Wer die Situation dreimal durchlaufen hat, geht in eine bekannte Prüfung, nicht in eine unbekannte.

Was Prüfungsangst von normaler Anspannung unterscheidet

Vor einer Abiturprüfung ist Anspannung normal und sogar nützlich: Sie aktiviert und schärft die Aufmerksamkeit. Prüfungsangst ist etwas anderes, sie entsteht, wenn die Bewertung als Bedrohung bewertet wird, und blockiert genau die Fähigkeiten, die die Prüfung verlangt.

Die drei Ebenen der Prüfungsangst:

Ebenetypische Anzeichen
KörperHerzklopfen, Schwitzen, Zittern, flache Atmung, Magenbeschwerden
GedankenBlackout-Befürchtung, Katastrophengedanken, Abwertung des eigenen Könnens
VerhaltenAufschieben, Vermeiden von Probeprüfungen, Lernen nur noch in vertrauter Umgebung

Die Verhaltensebene ist die tückischste: Wer Probeprüfungen meidet, weil sie unangenehm sind, entzieht sich genau der Übung, die die Angst abbauen würde. Der Kreislauf aus Vermeiden und Angst verstärkt sich gegenseitig.

Bei Erwachsenen auf dem zweiten Bildungsweg kommt eine Besonderheit hinzu: Die Prüfung steht oft für mehr als eine Note, nämlich für einen Lebensentscheid. Wer das Abitur nachholen will, um zu studieren, setzt mit der Prüfung den gesamten Plan auf eine Karte. Die Angst hat also einen realen Kern und verdient eine Antwort, kein Wegreden.

Warum Erwachsene andere Angst mitbringen als Schülerinnen und Schüler

Schülerinnen und Schüler der Oberstufe haben die Abiturprüfung über Jahre wachsen sehen, mit Kursnoten als Sicherheitsnetz. Externe Prüflinge nicht:

  • Keine Vornoten: Bei der Externenprüfung steht jede Leistung allein. Ein schlechter Tag lässt sich nicht durch drei gute Halbjahre ausgleichen.
  • Größerer Prüfungsumfang: Acht Fächer in Bayern und Nordrhein-Westfalen statt weniger am Gymnasium, Details im Artikel zur Nichtschülerprüfung.
  • Längere Pause seit der Schule: Die letzte Prüfung liegt bei manchen Prüflingen Jahrzehnte zurück, die letzte schlechte Erfahrung oft näher.
  • Höhere persönliche Kosten: Lehrgang, Gebühren und Jahre Vorbereitung stehen auf dem Spiel.

Umgekehrt bringen Erwachsene auch Vorteile mit: Sie kennen ihre Lernweise, haben Berufserfahrung mit Druck und meist eine klarere Motivation als eine Siebzehnjährige. Die Angst ist also nicht größer, nur anders begründet.

Was nachweislich hilft: die Situation üben, nicht nur den Stoff

Die wirksamste Maßnahme gegen Prüfungsangst ist dieselbe wie gegen das Verlernen unter Druck: die Probeprüfung unter echten Bedingungen. Der Grund ist die Exposition: Angst entsteht vor dem Unbekannten, und die Prüfungssituation lässt sich bekannt machen.

Der Aufbau in drei Stufen:

  1. Trockenübung: Aufgaben bearbeiten, ohne Zeitdruck, Hilfsmittel frei. Ziel ist der Stoff.
  2. Halbe Bedingung: echte Dauer und zugelassene Hilfsmittel, aber zu Hause am gewohnten Tisch. Ziel ist das Zeitgefühl.
  3. Volle Bedingung: dieselbe Uhrzeit wie die Prüfung, ein anderer Raum, eine fremde Person als Aufsicht, vorher gezogene Aufgaben. Ziel ist die Situation.

Wer die dritte Stufe dreimal durchlaufen hat, hat die Prüfung bereits bestanden, soweit es um die Situation ging. Die mündliche Prüfung wird nach demselben Muster geübt, mit einer anderen Person als Publikum, denn vor Publikum zu reden ist der Teil, der sich nicht allein simulieren lässt.

Die Vorbereitung des Stoffes gehört zur Angstbekämpfung, allerdings nur, wenn sie Abrufen trainiert: Wer nur liest, geht mit Vertrautheit in die Prüfung, nicht mit Erfahrung im Reproduzieren unter Druck. Wie eine solche Vorbereitung aufgebaut ist, steht im Artikel zur Vorbereitung für Selbstlerner.

Was in der Prüfung selbst hilft

Anspannung am Prüfungstag lässt sich nicht verhindern, aber steuern. Vier Techniken haben sich bewährt, alle vier sind erlernbar:

  • Ankommen vor dem Start: Früher da sein, den Raum und den Platz kennenlernen, die ersten Minuten für die Atmung nutzen statt für spätes Nachschlagen.
  • Atemführung im Akutfall: langsames Ausatmen, länger aus als ein, etwa vier Sekunden ein und sechs bis acht aus. Das senkt die Erregung, weil der Parasympathikus über die Ausatmung angesteuert wird.
  • Blackout-Protokoll: Wenn das Denken stoppt, das Blatt weglegen, zwei bewusste Atemzüge, dann die Aufgabenstellung noch einmal Wort für Wort lesen. Blackouts entstehen aus Übererregung, sie gehen in Sekunden vorbei, wenn die Erregung sinkt.
  • Einstieg über das Bekannte: Aufgaben zuerst lesen, dann mit der beginnen, die am sichersten sitzt. Ein guter Start stabilisiert mehr als ein riskanter.

Für die mündliche Prüfung gilt das Entsprechende: Kurzvortrag mit auswendigem Gerüst üben, mit der prüfenden Person Blickkontakt halten statt auf das Blatt, und Fragen als Gespräch annehmen, nicht als Angriff. Die prüfende Person will die Leistung sehen, nicht das Scheitern.

Was nicht hilft und was sogar schadet

Einige verbreitete Strategien gegen Prüfungsangst wirken nicht oder gegenläufig:

  • Nachlernen bis zuletzt: Der letzte Tag vor der Prüfung ist für Erholung da, nicht für Nachlernen. Schlaf konsolidiert das Gelernte, Erschöpfung verschlechtert den Abruf.
  • Beruhigungsmittel ohne ärztliche Anleitung: Sie dämpfen die Erregung zusammen mit der Denkleistung. In der Prüfung ist Wachheit wichtiger als Ruhe.
  • Vergleich in der Prüfung: Ständiges Kontrollieren, ob andere schon fertig sind, lenkt ab und erzeugt neuen Druck.
  • Das Wegreden der Angst: Sätze wie Es ist nur eine Prüfung entwerten die reale Bedeutung, die die Prüfung für den Prüfling hat. Besser ist die Anerkennung: Diese Prüfung bedeutet mir viel, deshalb ist Anspannung da.

Gleiches gilt für Perfektionismus: Wer eine Null-Fehler-Prüfung plant, plant eine Prüfung, die nicht existiert. Abiturprüfungen verlangen gute Leistungen, keine perfekten.

Wann professionelle Hilfe der richtige Weg ist

Prüfungsangst, die sich nur auf die Prüfungssituation bezieht, ist mit Übung und Vorbereitung gut in den Griff zu bekommen. Professionelle Hilfe ist angebracht, wenn:

  • die Angst den Alltag einschränkt, etwa Schlaf, Appetit oder Stimmung über Wochen beeinträchtigt;
  • Vermeidung dominiert, also Probeprüfungen, Anmeldungen oder ganze Prüfungstermine wegen der Angst ausfallen;
  • körperliche Symptome so stark sind, dass eine Prüfung realistisch nicht durchstehbar wäre.

Anlaufstellen sind niedergelassene Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die Beratungsstellen der Krankenkassen und die studentischen Beratungen, die auch Prüflinge auf dem zweiten Bildungsweg nutzen können. Abendgymnasien und Kollegs haben Beratungslehrkräfte, die Fernschulen persönliche Studienbetreuer.

Prüfungsangst kann behandelbar sein, unter anderem mit kognitiver Verhaltenstherapie und Exposition. Wer die Vorbereitung wegen der Angst nicht beginnt, sollte die Beratung vor dem Lehrgang suchen, nicht nach dem Abbruch. Was den Abbruch auf dem zweiten Bildungsweg sonst noch verursacht, steht auf der Seite zu den Herausforderungen.

Häufige Fragen

Ist Prüfungsangst vor dem nachgeholten Abitur normal?

Ja. Anspannung vor einer Prüfung, die für einen Lebensentscheid steht, ist eine normale Reaktion. Sie wird zum Problem, wenn sie den Abruf des Gelernten blockiert oder zu Vermeidung führt, also zu abgesagten Probeprüfungen oder aufgeschobenen Anmeldungen. Ab dort ist sie kein Charakterzug mehr, sondern etwas, das mit Übung und Vorbereitung behandelbar ist.

Was hilft am schnellsten gegen Prüfungsangst?

Das Üben der Prüfungssituation selbst. Drei vollständige Probeprüfungen unter echten Bedingungen, mit gezogenen Aufgaben, fremder Aufsicht und der Uhrzeit der Prüfung, machen aus einer unbekannten Bedrohung eine bekannte Aufgabe. In der akuten Situation hilft die Atemführung mit längerem Ausatmen, weil sie die körperliche Erregung direkt senkt.

Was mache ich bei einem Blackout in der Prüfung?

Blatt weglegen, zwei bewusste Atemzüge mit langem Ausatmen, dann die Aufgabenstellung noch einmal Wort für Wort lesen. Blackouts entstehen durch Übererregung und lösen sich auf, sobald die Erregung sinkt, meist innerhalb von Sekunden. Was nicht hilft, ist krampfhaftes Nachdenken an derselben Stelle, das die Erregung weiter erhöht.

Helfen Beruhigungsmittel vor der Abiturprüfung?

Nicht ohne ärztliche Anleitung. Beruhigende Mittel dämpfen die Erregung zusammen mit der Denkleistung, und Wachheit ist in der Prüfung wichtiger als Ruhe. Wer ohne Mittel die Prüfung nicht durchstehen zu können glaubt, sollte vorher mit einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis sprechen, nicht am Prüfungstag selbst experimentieren.

Ist die Angst vor der Externenprüfung größer als vor dem Schulabitur?

Sie ist anders begründet, nicht größer. Bei der Externenprüfung gibt es keine Vornoten, jede Prüfungsleistung steht allein, und der Prüfungsumfang ist größer. Erwachsene bringen dafür Berufserfahrung mit Druck, eine klarere Motivation und meist eine bekannte Lernweise mit. Die Angst hat einen realen Kern und verdient eine Antwort, kein Wegreden.

Wann sollte ich wegen Prüfungsangst professionelle Hilfe suchen?

Wenn die Angst über die Prüfungssituation hinausgeht, also Schlaf, Appetit oder Stimmung über Wochen beeinträchtigt, wenn Probeprüfungen oder Anmeldungen wegen der Angst ausfallen, oder wenn körperliche Symptome das Durchstehen einer Prüfung unrealistisch machen. Anlaufstellen sind Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Beratungsstellen der Krankenkassen, Beratungslehrkräfte an Abendgymnasien und Kollegs sowie Studienbetreuer der Fernschulen.

Woher die Angaben stammen

  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Informationen zu Stressbewältigung und psychischer Gesundheit: https://www.bzga.de/. Abgerufen am .
  • Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Externen-Abiturprüfungsordnung, Paragraf 4 zum Umfang der Prüfung: https://bass.schule.nrw/3754.htm. Abgerufen am .